Key Takeaways
- Die Bewertung der Relevanz des Klimawandels ist seit 2024 verbindlich in die ISO 9001 integriert.
- Klimawandel wird im Kapitel „Kontext der Organisation“ direkt angesprochen.
- Entscheidend ist der Einfluss auf Produkte und Dienstleistungen im Anwendungsbereich des QM-Systems.
- Es besteht keine direkte Dokumentationspflicht, doch am Ende werden auch Nachweise erforderlich sein.
- Die Nachvollziehbarkeit der Bewertung wird ein wichtiges Audit-Kriterium sein.
Klimawandel in der ISO 9001: Nicht neu, aber von großer Bedeutung
Die Anforderung zum Thema Klimawandel ist nicht komplett neu. Sie wurde bereits 2024 mit dem Amendment „Climate action changes“ eingeführt und wird nun fest in die neue ISO 9001 überführt. Künftig müssen Organisationen die Bedeutung des Klimawandels bewerten und festlegen, ob der Klimawandel ein relevantes Thema für ihr Qualitätsmanagementsystem ist.
Die Einordnung erfolgt im Kapitel 4.1 „Verstehen der Organisation und ihres Kontextes“. Damit wird Klimawandel thematisch klar als externer Einflussfaktor behandelt, vergleichbar mit Marktbedingungen oder gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Entscheidend ist die Relevanz für das Managementsystem
Ein zentraler Punkt wird hinsichtlich der Norm häufig missverstanden: Es werden keine generellen Aktivitäten gefordert, um dem Klimawandel zu begegnen. Auch wird nicht bewertet, wie nachhaltig ein Unternehmen handelt. Im Fokus steht vielmehr die folgende Frage:
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel für die Qualität von Produkten und Dienstleistungen?
Leitfragen zur internen Besprechung im Unternehmen könnten dabei sein:
Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die eigenen Produkte und Dienstleistungen?
Welche Auswirkungen spüren die Kund:innen?
Welche Risiken oder auch Chancen entstehen daraus?
Die Bewertung muss konkret und im Kontext der Ziele des QM-Systems erfolgen, also bezogen auf die zugesagte und erwartete Qualität der Produkte und Dienstleistungen im Anwendungsbereich des QM-Systems.
Beispiele für die Bewertung der Auswirkungen
Für die Bewertung können folgende Beispiele in Bezug auf den Klimawandel zur Hand genommen werden:
Wasserverfügbarkeit als kritischer Faktor in wasserintensiven Prozessen
Gibt es verbrauchsreduzierende Maßnahmen?
Steigender Energiebedarf (z. B. für Kühlung von Servern oder die IT-Infrastruktur)
Investitionen in Energieunabhängigkeit bei eigenen Rechenzentren prüfen
Betriebs- und Logistikrisiken durch extreme Wetterereignisse
Prüfung von Handlungsbedarf, z.B. in Bezug auf Kühlung, Verschattung, Hochwasserschutz oder IT-Backup
Zunehmende Anforderungen an den Klimaschutz
Überwachung der anzuwendenden regulatorischen Anforderungen im Rahmen eines Compliance-Managementsystems / Rechtskatasters
Monitoring von Marktentwicklung und Kundenanforderungen sowie der Kundenwahrnehmung (Markenimage) im Rahmen der Marketing- und Sales-Prozesse
Relevante Verknüpfungen im QMS
Kapitel 4.1 der Norm enthält wie zuvor genannt keine explizite Dokumentationspflicht für die Klimabewertung. In der Praxis entsteht jedoch eine indirekte Nachweispflicht, da das Thema in weiteren Normkapiteln aufgegriffen wird:
Qualitätspolitik (5.2)
Die Qualitätspolitik soll "den Kontext der Organisation beachten und deren strategische Ausrichtung unterstützen". Das Thema "Klimawandel" muss deshalb nicht zwangsläufig darin benannt sein, doch es sollten keine Widersprüche zu anderen Themen und Festlegungen vorhanden sein.
Planung / Risiken (6)
Bei der Bestimmung von Risiken im Rahmen der Planung sollen die identifizierten internen und externen Themen berücksichtigt werden. Identifizierte externe Themen wie der Klimawandel sind damit in die Risikobetrachtung einzubeziehen.
Managementbewertung (9.3)
Im Rahmen der Managementbewertung (9.3) sollen auch Veränderungen bei den für eine Organisation wesentlichen internen und externen Themen betrachtet werden. Spätestens in der Managementbewertung wird also die Betrachtung der Bedeutung des Klimawandels und eine Entscheidung hierzu dokumentiert.
Die Bewertung muss daher nicht zwingend als eigenes Dokument vorliegen, aber sie muss im System erkennbar und vor allem begründet sein.
Praxistipp
Idealerweise nutzen Sie für die Bewertung des Klimawandels die in Ihrer Organisation etablierten Strukturen und Vorgehensweisen. Nutzen Sie z.B. bestehende Vorgehensweisen und Methoden von:
Kontext- und Stakeholderanalysen
SWOT-Analysen
Managementbewertungen
So vermeiden Sie zusätzliche Prozesse, schonen Ihre Ressourcen und schaffen gleichzeitig belastbare Nachweise.
Wenn Sie Ihre internen und externen Themen auf der Führungsebene überwachen und regelmäßig Veränderungen bewerten, können Sie diese Systematik und Methoden (z.B. SWOT-Analysen) auch für die Bewertung der Bedeutung des Klimawandels nutzen. Gleichzeitig erhalten Sie so einen ersten Nachweis über die Betrachtung dieses vorgegebenen Themas. Sie sind damit nicht auf die Managementreview als einzigen Nachweis für die durchgeführte Bewertung angewiesen.
Der kritische Punkt im Audit: Plausibilität
Haben Sie für Ihr Unternehmen eine Vorgehensweise gefunden? Dann sind Sie auch auf die Betrachtung des Themas im nächsten Audit vorbereitet. Denn auch in einem Audit wird die Frage nach Ihrer Bewertung des Klimawandels gestellt und die Plausibilität Ihrer Bewertung geprüft.
Aus diesem Grund sollten Organisationen darlegen können:
warum der Klimawandel für ihr QM-System relevant ist.
welche Entscheidungen dazu getroffen wurden.
welche Maßnahmen daraus abgeleitet wurden.
Klimawandel betrifft auch Stakeholder
Auch Kapitel 4.2 der Norm ist im Zusammenhang mit den Thema Klimawandel zu betrachten. Organisationen müssen festlegen, welche Anforderungen interessierter Parteien im QMS berücksichtigt werden. Da Stakeholder zunehmend auch klimabezogene Erwartungen formulieren (z. B. Kunden, Gesetzgeber), müssen diese bewertet und ggf. im QM-System berücksichtigt werden.
Auch hier gilt: Nicht jede Anforderung muss umgesetzt werden, doch eine Bewertung der Relevanz ist Pflicht. Am Ende müssen dazu auch relevante Anforderungen der interessierten Parteien bewusst behandelt werden.
Fazit
Der Klimawandel ist in der ISO 9001 kein optionales Thema mehr, sondern ein verpflichtender Bestandteil der Kontextanalyse. Entscheidend ist dabei die konkrete Relevanz für Qualität, Produkte und Kundenanforderungen im Anwendungsbereich des QM-Systems.
Unternehmen, die ihre bestehenden Analyse- und Führungsinstrumente konsequent nutzen, können diese Anforderung ohne großen Zusatzaufwand integrieren. Der Schlüssel liegt dabei in einer klaren, nachvollziehbaren Bewertung.
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